Formiersystem » Formieren von Schweißnähten: Wichtige Normen im Überblick

Formieren und Normen: Welche Anforderungen beim Wurzelschutz relevant sind

Beim Formieren wird die Wurzelseite einer Schweißnaht durch eine geeignete Schutzgasatmosphäre vor unerwünschter Oxidation geschützt. In der Praxis entsteht dabei schnell der Eindruck, es müsse eine einzelne Norm geben, die Gas, Spülzeit, Restsauerstoff und Ablauf vollständig vorgibt. Genau das ist jedoch nicht der Fall.

Der Wurzelschutz ist Teil eines größeren schweißtechnischen Regelwerks: Gasnormen, Schweißanweisungen, Verfahrensqualifikationen, Werkstoffempfehlungen, Qualitätsanforderungen und anwendungsbezogene Produktnormen greifen ineinander. Der folgende Überblick zeigt, welche Regelwerke tatsächlich relevant sind und wie ihre Bedeutung für eine konkrete Formieraufgabe richtig eingeordnet wird.

Welche Normen sind beim Formieren von Schweißnähten relevant?

Den unmittelbarsten technischen Bezug zum eigentlichen Formiervorgang hat das Merkblatt DVS 0937:2023-05 „Wurzelschutz beim Schutzgasschweißen“. Es behandelt unter anderem Wurzelschutzgase, Formiertechniken, Formiervorrichtungen, Vorspülzeit und Restsauerstoffmessung. Wichtig ist die Einordnung: DVS 0937 ist ein technisches Merkblatt und keine allgemein verbindliche österreichische ÖNORM-, EN- oder ISO-Norm.

Die ÖNORM EN ISO 14175 ist dagegen eine zentrale Norm für die Klassifikation und Bezeichnung von Schweiß- und Wurzelschutzgasen. Sie legt jedoch weder eine allgemeine Spülzeit noch einen universellen Gasdurchfluss oder Restsauerstoffgrenzwert fest. Regelwerke wie EN ISO 13916 zur Temperaturmessung oder EN ISO 17663 zur Wärmebehandlung besitzen nur einen indirekten Bezug zum Formieren.

Die folgenden Ebenen zeigen, welche Rolle ein Regelwerk beim Formieren tatsächlich spielt – und was es ausdrücklich nicht regelt.

Schutzgas, Schweißverfahren und Prozessparameter: Wo Normen konkret ansetzen

Für die Fertigung ist entscheidend, wie die Formierbedingungen in die Schweißanweisung und die Verfahrensqualifikation eingebunden sind. Die ÖNORM EN ISO 15609-1 legt Anforderungen an den Inhalt einer Schweißanweisung (WPS) für das Lichtbogenschweißen fest. Darin werden die für die Schweißqualität relevanten Prozessgrößen beschrieben.

Die ÖNORM EN ISO 15614-1 regelt die Qualifizierung von Schweißverfahren für Stähle sowie für das Lichtbogenschweißen von Nickel und Nickellegierungen. Wurzelschutzgas kann dabei Teil des qualifizierten Bereichs sein.

Häufiges Missverständnis Aus der Qualifizierung folgt nicht, dass jede Änderung von Gasfluss, Druck oder anderen Formierparametern automatisch eine neue Verfahrensprüfung verlangt. Entscheidend ist, ob die Änderung noch innerhalb des durch Verfahrensprüfbericht (WPQR) und WPS qualifizierten Bereichs liegt.

Qualifikation und Qualitätssicherung beim normgerechten Schweißen

Normgerechtes Schweißen betrifft nicht nur das Gas und den eigentlichen Prozess. Die Reihe EN ISO 3834 beschreibt übergeordnete Qualitätsanforderungen für das Schmelzschweißen metallischer Werkstoffe und bildet damit den organisatorischen Rahmen für geeignete Verfahren, qualifiziertes Personal, Prüfungen und Dokumentation.

Die EN ISO 9606-1 betrifft die Prüfung von Schweißern für Stähle. Sie qualifiziert jedoch nicht das Formieren als eigenständigen Arbeitsgang. Für mechanisiertes und automatisiertes Schweißen ist EN ISO 14732 relevant; Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Schweißaufsicht werden in ISO 14731 beschrieben.

Für die Praxis bedeutet das: Die Formierbedingungen müssen in ein beherrschtes Schweißverfahren eingebettet sein, dessen Zuständigkeiten und Qualitätsanforderungen eindeutig festgelegt sind.

Welche Norm gilt in welcher Anwendung?

Welche Regelwerke anzuwenden sind, hängt vom konkreten Bauteil und dessen Einsatzbereich ab. Im industriellen Rohrleitungsbau bildet die ÖNORM EN 13480-4 eine wichtige anwendungsbezogene Fertigungsebene. Für unbefeuerte Druckbehälter ist die ÖNORM EN 13445-4 relevant. Bei Stahltragwerken kann EN 1090-2 maßgeblich sein, allerdings nur für Bauteile, die tatsächlich in deren Anwendungsbereich fallen.

Zusätzlich spielt der Werkstoff eine wesentliche Rolle: Für typische Formieraufgaben an nichtrostenden Stählen ist beispielsweise EN 1011-3 fachlich relevanter als eine pauschale Betrachtung der gesamten EN-1011-Reihe. Auch die Verfahrensqualifikation ist werkstoffabhängig: Für Aluminium, Titan, Zirkonium oder Kupfer gelten andere Teile der ISO-15614-Reihe als für Stahl.

Interaktiv

Welche Regelwerke betreffen Ihre Formieraufgabe?

Drei Angaben genügen. Das Ergebnis ist eine Orientierung, welche Ebenen Sie prüfen müssen – keine Freigabe und keine vollständige Normenliste.

Bauteil
Werkstoff
Fertigung

Was muss beim Formieren dokumentiert und überwacht werden?

Bei der Dokumentation muss zwischen Normanforderung, Verfahrensvorgabe und technischer Prozesskontrolle unterschieden werden. Restsauerstoff ist für die Qualität der Wurzelschutzatmosphäre technisch relevant, aus den allgemeinen Kernnormen lässt sich jedoch kein für alle Werkstoffe und Anwendungen gültiger ppm-Grenzwert ableiten. Dasselbe gilt für Spülzeit und Formiergasdurchfluss.

Woher ein Zahlenwert tatsächlich stammt

Zuordnung typischer Formierangaben zu ihrer Quelle
Angabe Mögliche Quelle Aus den Kernnormen ableitbar?
Restsauerstoff-Grenzwert in ppm WPS, WPQR, Produktnorm, Prüfplan, Kunden- oder Projektspezifikation nein – kein allgemein gültiger Wert
Vorspülzeit WPS, Merkblatt DVS 0937, betriebliche Erfahrung, Projektspezifikation nein – keine allgemeine Spülzeit
Formiergasdurchfluss WPS, qualifizierter Bereich laut WPQR, Systemvorgabe nein – kein universeller Wert
Gasart und Gasbezeichnung ÖNORM EN ISO 14175, WPS ja – Klassifikation und Bezeichnung
Inhalt der Schweißanweisung ÖNORM EN ISO 15609-1 ja – Anforderungen an den Inhalt
Pflicht zur Restsauerstoffmessung Produktnorm, Prüfplan, Kunden- oder Projektspezifikation nein – nicht automatisch für jede Naht

Auch eine Restsauerstoffmessung ist nicht automatisch für jede formierte Schweißnaht normativ vorgeschrieben. Wird jedoch ein bestimmter Grenzwert verlangt, schafft die Messung eine objektive Grundlage, um die tatsächlich erreichte Atmosphäre zu beurteilen, statt ausschließlich mit pauschalen Spülzeiten zu arbeiten.

Normkonformes Formieren bedeutet mehr als die Auswahl des Formiergases

Ein geeignetes Formiergas ist nur ein Baustein. Für einen beherrschten Wurzelschutz müssen Werkstoff, Schweißverfahren, qualifizierter Verfahrensbereich, WPS, Gasführung und Formiervorrichtung zusammenpassen. Das verwendete Formiersystem hat dabei die Aufgabe, im Wurzelbereich eine kontrollierbare Schutzgasatmosphäre herzustellen und den Zutritt von Umgebungsluft ausreichend zu begrenzen.

Ein Restsauerstoffmessgerät kann diese Atmosphäre objektiv überwachen; ob Messung und Dokumentation verpflichtend sind, ergibt sich aus dem jeweils geltenden Regelwerk oder der Projektspezifikation. In der Formiertechnik von Holzer ASS® werden Formiersystem und Restsauerstoffmessung deshalb als zusammengehörige Prozessbausteine betrachtet. Normkonformes Formieren entsteht letztlich aus dem Zusammenspiel der für Bauteil, Werkstoff und Schweißprozess tatsächlich geltenden Anforderungen.

Weiterführende Beiträge Vertiefende Hinweise zu einzelnen Aspekten des Wurzelschutzes stehen in eigenen Beiträgen. Spülzeiten beim Formieren Restsauerstoff-Messgerät: warum ppm-Werte entscheidend sind Formiertechnik beim Schweißen: Grundlagen, Verfahren und Auswahl Praktische Hinweise zum Formieren

Einordnung: Dieser Beitrag ordnet Regelwerke fachlich ein und ersetzt weder deren Anwendung noch eine projektbezogene Festlegung. Maßgeblich sind der jeweils gültige Normtext, die Produktnorm des Bauteils sowie die vertraglich vereinbarten Anforderungen. Stand: August 2026

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